Ihr Identity Management hat blinde Flecken

Digitale Identitäten stehen im Zentrum jeder Zero-Trust-Architektur und damit jeder robusten IT-Sicherheitsstrategie. Weil Sicherheitsvorfälle durch Cyberkriminelle ebenso wie durch unvorsichtige oderböswillige Mitarbeiter nahezu immer mit dem Missbrauch digitaler Identitäten beginnen, müssen diese besonders kontrolliert und geschützt werden. Das gilt zunächst für die digitalen Identitäten der eigenen Belegschaft – ein Use Case, der jedes Unternehmen betrifft – ebenso wie für digitale Maschinenidentitäten, deren Anzahl in raschem Tempo wächst, und letztlich für alle weiterenIdentitäten, die mit dem Unternehmen in Berührung kommen: von Endkunden überLieferanten bis zu Geschäftspartnern. Den meisten Organisationen ist das mittlerweile bewusst und doch kommt es bei der Verwaltung digitaler Identitäten häufig zu kardinalen Fehlern, welche die Investitionen in die IT-Sicherheit konterkarieren. Wer die folgenden fünf Fehler vermeidet, hat für die Sicherheitseines Unternehmens bereits viel gewonnen.
1. Der fehlende Überblick – Berechtigungen als Irrgarten
Der Klassiker unter den Fehlern im Identity Management ist die Ermangelung eines strukturierten Überblicks darüber, wer welche Berechtigungen besitzt. In der Praxis entstehen über dieJahre gewachsene Rollengruppen und Berechtigungsstrukturen, die sich aus ad-hoc-Anforderungen heraus entwickelt haben. Ein Mitarbeiter braucht Zugriff auf ein System, der nächste auf ein anderes – und plötzlich hat man eineDatenbasis, die niemand mehr vollständig überblickt.
Das größte Problem an dieser Situation ist die Lähmung, die daraus entsteht: Administratoren trauen sich nicht mehr, Änderungen durchzuführen, weil sie befürchten, damit das System zu beschädigen oder wichtige Funktionalitäten zu zerstören. Diese Angst führt zurHandlungsunfähigkeit, bei der notwendige Anpassungen unterlassen werden und die Berechtigungsstrukturen weiter verkrusten.
Die Lösung besteht darin, miteinem zentralen Identity-Management- bzw.Identity-Governance-and-Administration-System (IGA) und klaren Rollenmodellen (RBAC) ein vollständiges, automatisiertes Audit aller bestehenden Berechtigungen durchzuführen und eine klare, dokumentierte Struktur zu schaffen. Moderne Lösungen setzen dabei zunehmend auch KI ein, um automatisiert Übersichten zu erstellen und verwaiste Accounts, überprivilegierte Accounts sowie Accounts mit ungewöhnlichen Rechtekombinationen aufzudecken. Ergänzend sorgen regelmäßige Access Reviews bzw. Rezertifizierungen dafür, dass dieseStruktur dauerhaft aktuell bleibt und nicht erneut verwildert. Nur auf dieserGrundlage können zielgerichtete Bereinigungen und Anpassungen vorgenommen werden.
2. Unsaubere Authentifizierung und Autorisierung – die schleichende Sicherheitskrise
Ein weiterer gängiger Fehler liegt in der mangelhaften Implementierung von sauberer Authentifizierung undAutorisierung. Häufig entsteht dies aus Unerfahrenheit oder aus der Sorge heraus, durch zu strikte Kontrollen wesentliche Arbeitsprozesse zu beeinträchtigen. Die Folge dieser Zurückhaltung ist fatal: Selbst in kritischen Systemen werden häufig globale Administrationsrollen vergeben, obwohl dies gar nicht notwendig ist.
Ein besonders problematisches Szenario entsteht, wenn Systemanwendungen selbst mit zu umfangreichen Rechten ausgestattet sind und nicht kontextabhängig in begrenzten Bereichen arbeiten. Dies schafft die Voraussetzung für sogenannte „Privilege-Escalation-Attacken“, bei denen Nutzer oder Anwendungen ihre Berechtigungen unerlaubt ausweiten können.
Zur Vermeidung dieses Fehlers sollten von Anfang an das Prinzip der minimalen erforderlichen Berechtigung („Least Privilege“) konsequent umgesetzt und eine detaillierte Authentifizierungs- und Autorisierungspolitik etabliert werden.
3. Richtige Abhängigkeiten oder „Die verlorene Identität“
Ein besonders tückischer Fehlertritt in modernen, verteilten Systemen und Microservice-Architekturen auf. Hier entsteht eine Kaskade von Zugriffen: Ein Nutzer setzt einen Prozess in Gang, dieses System kommuniziert mit einem mittleren System, das wiederum weitere Systeme anspricht – und am Ende wird das Ergebnis angezeigt. Das Problem dabei: Das System am Ende der Kette weiß nicht mehr, wer die ursprüngliche Aktion ausgelöst hat, und kann daher nicht überprüfen, ob die Person die erforderlichen Berechtigungen hatte.
Zwischen den einzelnen Systemen gibt es einen Bruch in der Nachvollziehbarkeit. Die ursprüngliche Identität geht verloren, und es sprechen nur noch Maschinen miteinander – mit viel zu umfangreichen oder unkontrollierten Berechtigungen. Dies geschieht, wenn es kein konsistentes Modell für die durchgängige Verwaltung von Identitäten, Autorisierungen und Zugriffen im Unternehmen gibt. Abhilfe schafft eindurchgängiges Identity-und-Access-Management-Modell, das über alle Systemgrenzen hinweg die Identität des ursprünglichen Verursachers verfolgt und bei jedem Schritt die Berechtigung validiert und weiterreicht. Insbesondere beiMaschinen-Entitäten und Agentic AI gewinnt dies zunehmend an Bedeutung.
4. Falsche Abhängigkeiten bzw. „Vendor Lock-in“
Aus technischer Perspektive entsteht ein großes Problem, wenn bei der Wahl der Identity-Management-Systeme auf proprietäre Technik und Schnittstellen statt auf offene Standards gesetzt wird. Diese Entscheidung führt zur Abhängigkeit vom jeweiligen Anbieter(„Vendor Lock-in“), deren Konsequenzen sich oft erst später bemerkbar machen.
Spätestens wenn neue Use Cases hinzukommen – etwa die Integration von Endkunden, Business-Partnern oderzusätzlichen proprietären Systemen –, stellt sich heraus, dass das System nicht erweiterbar ist. Ein System, das vielleicht in den Neunzigern als On-Prem-Lösung installiert wurde, lässt sich plötzlich nicht mehr anpassen. Die Verwendung offener Standards von Beginn an schafft dem gegenüber die notwendigeFlexibilität und verhindert, dass ein Unternehmen in eine technische Sackgasse gerät. Das Problem verschärft sich mit der Zeit: IAM-Systeme sind tief in die gesamte IT-Landschaft integriert, was einen späteren Wechsel des Anbieters praktisch unmöglich macht. Offene Standards und Datenportabilität sind zudem längst keine rein technische Kür mehr, sondern auch gesetzlich verankert – etwa durch den EU Data Act. Wer die Kontrolle über seine Identitätsinfrastruktur nicht mehr beherrscht, verliert langfristig auch die Steuerungsfähigkeit überzentrale Teile seiner digitalen Wertschöpfung.
5. Wachstumsschmerzen
Viele Organisationen unterschätzen die Bedeutung automatisierter Joiner-Mover-Leaver-Prozesse im Identity Lifecycle Management – und das nicht nur im Kontext der eigenen Belegschaft, sondern ebenso bei Partnern, Kunden und weiteren externen Identitäten. Wenn Prozesse manuell ablaufen – vom Onboarding über Rollenänderungen bis zum Offboarding – entstehen nicht nur Fehlerquellen, sondern auch erhebliche Skalierungsprobleme. Besonders problematisch wird esbei Systemen, die für eine Vielzahl von Endkunden ausgelegt sein müssen: Viele herkömmliche Identity-Access-Management-Systeme sind für solche Szenarien gar nicht konzipiert. Systeme, die primär für Mitarbeiterauthentifizierung konzipiert wurden, stoßen bei hochskalierenden CIAM-Szenarien mit Millionen Identitäten und Lastspitzen an architektonische Grenzen.
Hinzu kommt häufig ein Mangel anFlexibilität zwischen On-Premises- und Cloud-Umgebungen. Organisationen werden vom Hersteller regelrecht in die Cloud gezwungen oder finden sich On-Premises gefangen, obwohl sie hybrid arbeiten möchten. Hybride Szenarien können sinnvoll sein – etwa wenn ein besonders kritischer Teil der Infrastruktur On-Premises betrieben wird, während der Rest in der Cloud laufen kann, um internen Aufwand zu minimieren. Entscheidend ist, einen Hersteller zu wählen, der flexibel zwischen On-Premises und SaaS wechseln lässt, hybride Szenarien unterstützt und im SaaS-Betrieb auch wechselndeLastspitzen problemlos abfangen kann. Diese bieten somit die notwendigeFlexibilität und Skalierbarkeit für künftige Anforderungen.
Gesamtheitliches Denken erforderlich
Alle diese Fehler basieren letztendlich auf mangelnder Planung und fehlender Gesamtkohärenz. Spätestens mit steigenden regulatorischen Anforderungen wie NIS2 oder verschärften Datenschutzvorgaben wird deutlich, dass Identity Management keine optionale IT-Optimierung ist, sondern ein strategischer Bestandteil der Unternehmenssicherheit. Ein funktionierendes Identity Management erfordert eine konsistente Architektur, klare Rollen- und Policy-Modelle, automatisierte Lifecycle-Prozesse, Token-basierte Authentifizierung nach offenen Standards sowie eine exit-fähigeSystemlandschaft ohne proprietäre Abhängigkeiten. So wird auch die notwendige Flexibilität für künftiges Wachstum ermöglicht. Organisationen sollten daher proaktiv handeln, bestehende Systeme auditieren und bei der Neuimplementierung von Anfang an auf Transparenz, Standards und Skalierbarkeit setzen.
Rechtlicher Hinweis: Die Angaben zu NIS2, dem EU Data Act und weiteren regulatorischen Anforderungen dienen der allgemeinen Einordnung und ersetzen keine Rechtsberatung. Bitte prüfen Sie die Anwendbarkeit auf Ihr Unternehmen individuell.
